Nebel- und Granatwerfer
Die Kunstraublüge von Bagdad: Effekt eines Museumsdirektors
WASHINGTON, 22. Juni
Das sind doch einmal richtig gute Nachrichten aus Bagdad. Aus dem Nationalmuseum
in der irakischen Hauptstadt wurden nicht 170 000 Exponate aus den Vitrinen
und Gegenstände aus dem Archiv gestohlen, sondern 32 (in Worten:
zweiunddreißig). Das ist kein kleiner Unterschied, sondern einer
von genau 169 968. Wie aber kam es zur grotesken Übertreibung?
Oder handelt es sich jetzt um eine schlimme Untertreibung? Was fehlt
wirklich? Wie und warum ist es abhanden gekommen? Wer trägt dafür
die Verantwortung? Und gibt es Aussichten, auch die restlichen verschwundenen
Kunstwerke wiederzubekommen?
Die ersten Alarmmeldungen gingen Mitte April um die Welt. Verbreitet hat sie im wesentlichen Donny George Youkhanna, Chef der Forschungsabteilung des Nationalmuseums und während des Krieges faktisch amtierender Direktor des Museums. Der zweiundfünfzig Jahre alte Doktor Donny George, wie er allgemein genannt wurde, ist nach einem Bericht der britischen Tageszeitung "The Guardian" und anderer Medien der Sohn eines irakischen Buchhalters, der auf der Luftwaffenbasis der britischen Royal Airforce in Habbanija westlich von Bagdad geboren wurde. Zwar hatte der Irak schon 1932 mit der Aufnahme in den Völkerbund formal die Unabhängigkeit erlangt, aber es dauerte bis zum Abzug der letzten britischen Truppen 1959, ehe die jeweils in Bagdad regierenden Ministerpräsidenten oder herrschenden Könige nicht mehr vom Wohlwollen der faktisch weiterhin allmächtigen ehemaligen Mandatsmacht abhängig waren. Jedenfalls wuchs Donny George mit der englischen Sprache auf - ein Umstand, der ihm in den Jahren seiner Laufbahn als Wissenschaftler mit internationalen Verbindungen ebenso zugute kam wie jüngst beim Kontakt mit Journalisten in der amerikanisch besetzten irakischen Hauptstadt.
Was sich vor den Augen der Weltöffentlichkeit nach dem Sturz des Diktators Saddam Hussein abspielte, kann niemand bestreiten: Es kam zu einer Plünderungswelle ungeahnten Ausmaßes. Wer dieser Tage mit Studenten und Professoren der Bagdader Universität, mit Ärzten, Geschäftsleuten, Ladenbesitzern oder Polizisten spricht, hört immer wieder die Einschätzung, daß man nach dem Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung zwar Plünderungen erwartet habe. Aber daß die Gebäude von Ministerien und der städtischen Verwaltung, daß Schulen, Universitäten und sogar Kliniken gleich mehrfach heimgesucht würden, hat alle überrascht. Nach anfänglichem Zögern haben auch die amerikanische Militärführung und die zivile Übergangsverwaltung eingestanden, daß sie darauf nicht vorbereitet waren.
Donny George gibt an
Angesichts der Fernsehbilder von geradezu euphorisch plündernden Massen, die unter den Augen der amerikanischen Soldaten aus Ministerien und Behörden Klimaanlagen, Kühlschränke und allerlei Büromöbel herausschafften, angesichts auch der Berichte vom Brand der Nationalbibliothek klangen die ersten Meldungen vom katastrophalen Verlust des Nationalmuseums plausibel. Es war Donny George, der die Zahl von 170 000 gestohlenen oder zerstörten Gegenständen ins öffentliche Spiel brachte und schwere Vorwürfe gegen die amerikanischen Besatzungstruppen erhob. Diese hätten trotz seiner flehentlichen Bitten den Eingang zum Nationalmuseum nicht bewacht, seien statt dessen mit ihren Panzern vor dem Ölministerium aufgefahren, um dieses zu schützen. Vom "Verbrechen des Jahrhunderts" sprach Donny George seinerzeit, was eine mindestens mutige Voraussage ist, denn unser Jahrhundert ist noch jung, und bisher hat sich das Menschengeschlecht beim Verüben von Verbrechen immer auf der Höhe der sich fortentwickelnden technischen Möglichkeiten gezeigt.
Die Meldung vom ausgeräumten Museum hatte den erwünschten Medieneffekt, und nur wenige wagten die Frage, ob es nicht Aufgabe der Angestellten, gar der Leitung des Museums gewesen wäre, Vorbereitungen für den Krieg zu treffen, der sich Monate zuvor angekündigt hatte. Statt dessen wucherten die Vorwürfe. Amerikanische Offiziere hätten die Plünderer mit den Worten "Go ahead, Ali Baba!" gar ermuntert, und einige Soldaten habe man dabei beobachtet, wie sie selbst Vasen und Skulpturen fortgeschafft hätten. Tatsächliche oder selbsternannte internationale Experten waren ordnungsgemäß fassungslos. Von einer "Tragödie ohne Vergleich in der Weltgeschichte" war die Rede - als seien "die Uffizien, der Louvre und alle Museen Washingtons auf einen Schlag ausgeräumt worden". Andere setzten den Verlust des kulturellen Erbes für den Irak mit dem Brand der berühmten Bibliothek von Alexandria gleich. Wieder andere bemühten den Mongolensturm von 1258 als Vergleich oder sprachen schlichtweg von einer Art kulturellem Genozid. Und wen traf die Schuld? Naturgemäß die alliierten Truppen.
Doktor Donny George aber wurde zu Konferenzen und Expertentagungen nach London und anderswo eingeladen, wo er seine ursprüngliche Bestandsaufnahme vom katastrophalen Verlust mit bebender Stimme und Tränen in den Augen bestätigte, jedenfalls nicht revidierte. Das Echo in den Medien, der globale Aufschrei konnte ihm nicht entgangen sein. Es ist keine andere Schlußfolgerung möglich, als daß der Medieneffekt genau jener Effekt war, den Donny George mit seinem Hilferuf aus dem Museum mit den sichtbar leer geräumten und teilweise zerschlagenen Vitrinen hatte hervorrufen wollen. Und kein anderer als der amerikanische Verteidigungsminister Donald Rumsfeld war sein eifrigster Helfershelfer: Sarkastisch, wie es seine Art ist, zeigte sich Rumsfeld vom Verlust der Kunst- und Kulturschätze ungerührt und dozierte, mit der Freiheit gehe stets ein gewisses Maß an Unordnung einher.
Gut gekellert ist halb gerettet
Erst nach und nach, als Verbindungsoffiziere der amerikanischen Truppen wie Oberst Matthew Bogdanos, ein zum aktiven Dienst rekrutierter Reservist der Marineinfanterie mit Hochschulabschlüssen in Altertumswissenschaften und Jura, sich an eine eigene Bestandsaufnahme in dem Museum machten, begann sich der von Donny George geworfene Nebel zu lichten. Die Durchsicht des Fundus des Museums und ein Vergleich mit der tatsächlich 170 000 Gegenstände umfassenden Inventarliste des Museums ergab, daß das allermeiste noch vorhanden war und ist. Denn die Kustoden des Museums hatten getan, was Kustoden in Vorkriegszeiten zu tun pflegen: die wertvollsten Stücke möglichst sicher ein- oder auszulagern.
Die unzerstörten Keller des Museums und weitere sichere Bunkerräume, in welche Stücke ausgelagert wurden, sind gut gefüllt. Einige Angestellte sollen zudem Stücke mit nach Hause genommen und nach dem Ende der Bombardements wieder ins Museum zurückgebracht haben. Donny George macht für das Mißverständnis jetzt Journalisten verantwortlich, weil diese offenbar geglaubt hätten, die von ihm genannte Zahl des Gesamtbestands des Museums sei die Zahl der verlorenen Stücke.
Fast jeden Tag tauchen nun vermißte Stücke wieder auf. Aus einem gefluteten Kellertresor der Nationalbank konnten Fachleute von "National Geographic" gemeinsam mit amerikanischen Soldaten den "Schatz von Nimrod" bergen. Der Goldschatz eines assyrischen Herrschers aus dem neunten Jahrhundert vor Christus war zwischen 1988 und 1990 ausgegraben und offenbar seit Jahren im Keller der Nationalbank verwahrt worden. Vor einigen Tagen tauchte gar die berühmte "Vase von Warka", ein fünftausend Jahre altes Alabasterrelief aus Uruk und eines der wertvollsten Stücke des Museums überhaupt, auf wundersame Weise wieder auf. Drei Männer brachten das Stück, unbeschädigt im Kofferraum ihres Autos verpackt, ins Museum zurück. Ob sie das Relief selbst aus dem Museum gestohlen hatten und, falls ja, warum sie sich entschlossen, es zurückzubringen, bleibt im dunkeln.
Dagegen scheint Licht in die Vergangenheit von Donny George zu kommen. Medien aus Bagdad berichten, Mitarbeiter des Museums würden schwere Vorwürfe gegen ihren Chef erheben, der von vielen westlichen Archäologen einst so hoch geschätzt wurde. So soll er mit der Baath-Partei und dem Geheimdienst des gestürzten Diktators Saddam Hussein enge Verbindungen gepflegt und an Mitarbeiter des Museums Waffen mit der Anweisung ausgegeben haben, das Gebäude zu verteidigen. Auch ein Granatwerfer wurde offenbar in dem Museum in Stellung gebracht.